Versicherungs-Apps und FinTechs

28. Januar 2016 | 10.627 mal gelesen

 

Sie wollen “smarte Versicherungsmanager” oder “Versicherungshelden” sein und versprechen Beratung mit nur einem Klick.

Knip, Clark, GetSafe, simplr, asuro, TED oder FinanceFox – fast jede Woche erscheint derzeit eine neue Versicherungs- oder Finanz-App, die für ihre Nutzer alle vorhandenen Verträge bündeln will.

Weg also die alten Versicherungsordner, stattdessen alles auf einen Blick auf dem Smartphone. Und das natürlich kostenlos. Im Gegenteil: Manch ein App-Betreiber bietet seinen Usern sogar bis zu 150 Euro Empfehlungsprämie, nutzt diese also quasi als Untervermittler.

Man fragt sich bei all dem, womit diese Anbieter Geld verdienen.

Das Geheimnis ist schnell gelüftet: mit der Registrierung erteilt der User über das “Kleingedruckte” bzw. durch Unterschrift auf dem Display eine Maklervollmacht. Und die berechtigt den Betreiber zur Umdeckung der Verträge, wofür es selbstverständlich Provision gibt. Wenn man so will, arbeiten die Apps also ähnlich wie Makler, für die sie insoweit auch die größte Konkurrenz darstellen.

Ob die User wissen was sie tun, wenn sie sich registrieren?

Die meisten wohl nicht, denn kaum einem ist die Tragweite einer Maklervollmacht bewusst. Das erkennt man spätestens dann, wenn die ersten Verträge – ggf. ohne Kenntnis des Kunden – gekündigt und durch neue ersetzt wurden.

Was ist von solchen Geschäftsmodellen und Praktiken zu halten? 15 Antworten:

  • Im schlimmsten Fall, nämlich dann, wenn die Maklervollmacht für den “durchschnittlichen User” kaum zu erkennen ist, dürfte arglistige Täuschung vorliegen; ein Vergehen, das solchen Praktiken jede Seriosität nimmt.
  • Ähnliches gilt, wenn der User nicht über das Wesen und die Tragweite einer Maklervollmacht aufgeklärt wurde, so wie es jeder ordentlich arbeitende Makler tut; spätestens dann, wenn er sich von Gesetzes wegen als ungebundener Vermittler deklarieren muss. In diesem Fall dürfte eine Verletzung von Aufklärungspflichten vorliegen.
  • Möglicherweise sind neue Verträge für den Kunden tatsächlich preislich günstiger als die gekündigten. Fraglich aber ist, ob der bisherige Deckungsumfang des Vertrages beibehalten wurde. Gibt es – am Beispiel der Autoversicherung – die gleichen Regelungen zum Rabattretter, zu Entschädigungshöchstgrenzen und zu vielen anderen Ein- und Ausschlüssen? Im Zweifel hat der Kunde keine Information darüber, was sich bezüglich des Umfanges seiner Versicherung verändert hat. Damit werden gesetzliche Informationspflichten verletzt.
  • Wo und wie wird dokumentiert und protokolliert, aus welchen Gründen und mit welchen Sachargumenten vorhandene Verträge durch neue ersetzt wurden? Geschieht dies nicht, werden gesetzliche Dokumentationspflichten verletzt.
  • Ahnt der Kunde im Einzelfall, dass ihm z.B. bei der Umdeckung einer Kranken- oder Lebensversicherung ein erheblicher wirtschaftlicher Schaden entstehen kann? Wurde er darauf vom App-Betreiber aufmerksam gemacht? Vermutlich nicht, denn sonst würde der Kunde nicht zustimmen. Auch hier werden in solchen Fällen elementare Informations- und Sorgfaltspflichten verletzt. Im Zweifel liegt ein Beratungsfehler vor, der den Betreiber der App schadenersatzpflichtig macht. Kaum ein User weiß das.
  • Übernimmt der App-Betreiber überhaupt die Beratungshaftung oder ist im “Kleingedruckten” geregelt, dass keine Beratung erfolgt?
  • Verfügt der App-Betreiber für den Fall von Beratungsfehlern oder falsch bzw. nicht erteilten Informationen über eine gesetzlich vorgeschriebene Berufshaftpflichtversicherung?
  • Wie hoch ist es alternativ um die Höhe des haftenden Eigenkapital der FinTechs bestellt? Die sind meist “Start-ups” mit dünner Kapitaldecke, finanziert durch Venture Capital.
  • Wie steht es um die Ausbildung der Mitarbeiter des App-Betreibers, die ggf. per Mail, im Chat oder am Telefon Auskunft geben? Können diese Mitarbeiter die gesetzlich vorgeschriebenen Sachkundennachweise erbringen? Haben sie die fachliche Qualifikation, um erkennen zu können, worin sich Versicherungsprodukte, die “per Knopfdruck” gegeneinander ausgetauscht werden, unterscheiden?
  • Durch den Maklerauftrag wird der bisherige Berater von der weiteren Beratung ausgeschlossen. Das gilt für alle bestehenden, von diesem vermittelten Verträge und erst recht für die neu abgeschlossenen Verträge. Kaum ein User ahnt, dass er durch Registrierung gerade seinem bisherigen Berater das Vertrauen und die Geschäftsgrundlage entzieht.
  • Was geschieht im Schadenfall? Ist der Kunde dann auf sich selbst gestellt und muss all die Formalitäten, die sonst ein kompetenter Berater übernimmt, selbst per Schaden-App regeln?
  • Was geschieht, wenn sich die Lebenssituation des Kunden ändert, z.B. durch Heirat, Geburt eines Kindes, Wechsel des Berufes oder Umzug? Meistens müssen dann vorhandene Verträge angepasst oder neue abgeschlossen werden.
  • Wer ordnet die vorhandenen Verträge in ein Gesamtkonzept ein, das sich an den finanziellen Möglichkeiten, den Zielen und Wünschen und der Lebenssituation des Kunden orientiert?
  • Was geschieht, wenn einem die Sache doch unheimlich wird und man das digitale Abenteuer lieber wieder beenden will? Reicht dazu ein Maus-Klick oder wie sonst üblich das Löschen der App? Vermutlich nicht, denn Makleraufträge sind zivilrechtliche Verträge, die im Regelfall unter Einhaltung von Fristen schriftlich gekündigt werden müssen.
  • Und wer kümmert sich nach einem solchen Abenteuer um den Scherbenhaufen eines Sammelsuriums nicht mehr aufeinander abgestimmter Versicherungsverträge bei unterschiedlichsten Versicherern? Doch nicht etwa der frühere Berater, dem das Vertrauen entzogen und dessen Ergebnisse seiner Arbeit durch eine App zerstört wurden?

Kaum ein Kunde wird sich diese elementaren Fragen stellen, wenn er sich bei einer Finanz-App registriert.

Wer sich darauf einlässt, setzt sich dem Risiko aus, durch die Maklervollmacht bei der Versicherung elementarer Lebensrisiken im digitalen Blindflug unterwegs zu sein.

Und genau deshalb stellt der Gesetzgeber hohe Anforderungen an jeden Versicherungsvermittler und besonders hohe an Versicherungsmakler. Es ist davon auszugehen, dass nicht alle FinTechs diese vollumfänglich erfüllen.

 


 

Updates und Link-Empfehlungen zum Thema:

Knip – Datenkrake oder Service? (Apfelblog.ch)

Sind Knip und GetSafe Abzocke? (svenivobrinck.de, 4.11.2015)

Knip: Alle jubeln, nur die Kunden nicht (beobachter.ch, 11.12.2015)

Vertrags-App verärgert Versicherte (20 Minuten, 6.1.12016)

Deutsche Vermögensberatung erzürnt FinTechs (Handelsblatt, 2.2.2016)

Schlagabtausch um neue InsurTech-Geschäftsmodelle (IT-Magazin, 3.2.2016)

Blamage: Just in time (procontra, 3.2.2016)

Knip und das Kleingedruckte (Versicherungsbote.de, 4.2.2016)

Fintech-Gründer stellt sich im Streit hinter die DVAG (Das Investment, 4.2.2016)

Beratungsfehler durch Fintechs? (Das Investment, 8.2.2016)

Ausge KNIP st – Eine Versicherungsodyssee (Twitter WG)

Versicherer beendet Knip-Zusammenarbeit (Versicherungsbote.de, 9.2.2016)

Erster Versicherer beendet Knip-Zusammenarbeit (Versicherungswirtschaft heute, 10.02.2016)

 


 

Beispiel: AGB des Start-ups Clark


Kommentare für diesen Artikel (7)

  1. […] ich mich zunächst über euren aktuellen Blogartikel geärgert habe, bin ich euch mittlerweile dankbar. Ihr verschafft mir die Gelegenheit, eines ganz […]

  2. […] bei der Finanzberatung Deutsche Vermögensberatung AG (DVAG), hat dieses Vorgehen in einem Blogpost heftig kritisiert. Sie und andere unterstellen Knip, Clark, GetSafe und Co., den Nutzern die […]

  3. […] – aber dem Kunden ist in der Regel nicht klar, was das für ihn bedeutet. Nun sprach der DVAG in einem Blogpost das Problem an, schoss aber mit der ein oder anderen Anschuldigungen ein wenig über das Ziel […]

  4. Insider2016, 3. Februar 2016 um 14:40

    Die jungen „Start-up“er wirken fast schon ein wenig sympathisch in ihrer wilden Naivität und ihrem revolutionären Weltverbessungsaktivismus. Die ganze Welt gegen uns – diesen Tenor hat auch die aktuelle Medienmitteilung von Knip. Dort wird von „der ganzen Berufsbranche, die auf Barrikaden zu gehen scheint“ und von „digitalem Umbruch“ berichtet. Sie kämpfen gegen eine „überalterte Generation von Vertrieblern“ und wollen das Potenzial nutzen – das der Smartphones in ihrer Zielgruppe. Lobenswert ist der Unternehmens-Vorsatz, dass die Kunden „wieder Mündigkeit in den eigenen Versicherungsfragen erlangen“, so die Presseinfo.
    Also wie erlangt man die Mündigkeit, indem man die Vollmacht erteilt?!
    Dieses Geschäftsmodell ist durchaus zu hinterfragen und rechtlich nicht sauber geregelt, da besteht auf jedem Fall noch Handlungsbedarf, auch zum Schutz von Kunden. Wenn ich mir anschaue wie schnell eine Versicherung zum Abschluss gelangt, ohne Beratungsdokumentationen und weiteren notwendigen Formalitäten. Hiermit wird vollständig die eigentliche Informationsverpflichtung umgangen. Und die Interessen der Kunden vermutlich auch.
    Und übrigens – eigene Produkte haben solche „Start-ups“ nicht. Sie verkaufen unter anderem Produkte von klassischen Versicherungsunternehmen, deren Vertriebler eigentlich zum „Feindbild“ zählen. Paradox, aber so beißt sich die Katze selbst in den Schwanz.
    Die Fin- und Insurtechs wachsen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Gefühlt herrscht bei diesen Techs eine Goldgräberstimmung. Wie gut sie wirklich bei den Kunden ankommen und was sich hinter ihren Versprechen tatsächlich verbirgt, wird sich mit der Zeit zeigen.

  5. Kunde, 3. Februar 2016 um 15:31

    Ich kann nur aus meiner Erfahrung als Kunde berichten: Alle Versicherungen auf einen Blick als Bauernfängerei. Einmal eingerichtet und alle Verträge werden von denen in den eigenen Bestand übertragen. Euer jetziger Berater ist dann nicht mehr für euch zuständig, sondern irgendein wildfremder Mensch, den ihr nie gesehen habt. Erstmal heißt es “völlig unverbindlich”, dann muss doch ein „Maklermandat“ unterzeichnet werden, ja nee ist klar… Wer solche Tricks nötig hat, dem ist nicht zu trauen!

  6. stephan_froede, 3. Februar 2016 um 17:43

    Guter Beitrag. Technologie ist kein Allheilmittel.

    Nur weil man Machine Learning mit Spark auf ein paar Daten loslässt, heißt das noch lange nicht das man zwingend besser ist als die Dinosaurier.

    Versicherer sollte man da auf keinen Fall unterschätzen, Versicherer haben in der Regel sehr ausgefeilte Risikomodelle die über Jahre verfeinert wurden. Und ja Versicherer haben in ihrer Produktentwicklung auch Quants.

    Nur weil man den digitalen Direktvertrieb über eine App macht, heißt es auch nicht das man automatisch damit irgendetwas revolutioniert.

    Es bleibt einem Kunden auch nicht erspart sich mit den Vertragsdetails zu beschäftigen, zum Beispiel wie, wann und in welchem Umfang trägt eine private Haftpflichtversicherung Schaeden die im beruflichen Umfeld auftreten können? Dahinter verbirgt sich ein wahrer Dschungel von Abhaengigkeiten.

    Oder meine Lieblingsstelle in meiner Hausratsversicherung, die Glasschadenabgrenzung. Ehrlich gesagt fällt es mir leichter die Entstehung des Universums zu verstehen, als das.

    So löblich Innovation ist, es bringt nichts wenn am Ende der Kunde nichts davon hat.

    Außerdem finde ich es albern die Silicon Valley Ideologie unreflektiert zu kopieren. Da diese im wesentlichen dazu dient, die Amerikanischen Limited Partner zu motivieren, mehr Geld in die VC-Fonds zu legen.

    Der Arm der Silicon Valley Spin Doctors reicht sehr weit…

  7. […] streiten sich die DVAG (DVAG-Unternehmensblog), Knip (offener Brief von Firmengründer Dennis Just), Clark und Getsafe um […]