Gravierende Methodenfehler

5. November 2012 | 680 mal gelesen

Immer wieder tauchen sie auf: Ranglisten zu den Überschüssen und Reserven der Lebensversicherer mit der Absicht, dem Verbraucher Orientierung zu geben. Ganz aktuell auch wieder in der Wirtschaftswoche. Und immer wieder entsteht großes Staunen darüber, mit welchen methodischen Fehlern bzw. Ungenauigkeiten solche Ranglisten erstellt und dann von renommierten Wirtschaftsblättern ebenso falsch kommentiert abgedruckt werden.

So werden – auch in der Wiwo – ganz entscheidende Aspekte meist nicht beachtet:

  • Lebensversicherer mit einem hohen Anteil fondsgebundenem Geschäft müssen bei bestimmten Kennzahlen im Grunde schlechter abschneiden als solche mit wenig oder keinem FLV-Geschäft. Trotzdem kann die Rendite für den Kunden am Ende bei einer FLV viel höher sein. Der Grund: Bezogen auf die Prämieneinnahmen oder auf die Bestände produzieren “FLV-Versicherer” nur geringe Zinsgewinne, da der Anteil konventioneller Kapitalanlagen, aus denen solche Zinsen generiert werden, niedrig ist. Denn die Rendite der Anlagen entsteht im Anlageportfolio und im Rechnungskreis der Fondsgesellschaft und wird dem Kunden direkt gutgeschrieben, also ohne “Umweg” über die Überschussrechnung des Lebensversicherers.
  • Lebensversicherer mit hohem Anteil an Risikolebensversicherungen erzielen meist höhere, direkt gutgeschriebene Überschüsse, da mit Blick auf die aktuell niedrigen Kapitalmarktzinsen die Risiko- und Kostengewinne aus dem Risikogeschäft meist über denen aus den Kapitalanlagen liegen und gleichzeitig der Kapitalanlagebestand vergleichsweise niedrig ist. Es macht so wenig Sinn, die Überschußsituation einer Risiko-LV mit der einer kapitalbildenden LV zu vergleichen.
  • Lebensversicherer mit einem hohen Anteil älterer Bestände mit entsprechend höherem Garantiezins erwirtschaften meist weniger Zinsgewinn, da die zu bildende Zinszusatzreserve (Garantieabsicherung) den Rohüberschuss mindert, was naturgemäß die Versicherer mit großen Altbeständen mehr trifft als junge Versicherer. Für den Kunden mit dem gerade in der aktuellen Zeit unschlagbaren Vorteil, vom höheren Garantiezins zu profitieren.
  • Und was für die Überschüsse gilt, gilt auch für die Bewertungsreserven. Denn diese sind zu einem Großteil entstanden aus (nicht ausgewiesenen bzw. zugeteilten) Überschüssen der Vergangenheit. Bedeutet: Lebensversicherer mit geringem FLV-Anteil, hohem Anteil Risiko-LV und vergleichsweise jungen Beständen haben bei den Kennzahlen zu den Überschüssen und Reserven rechenmethodische Vorteile. Was keine Aussagen dazu zulässt, ob deren Verträge für den Kunden am Ende vorteilhafter sind. 

Zugegeben – alles ausgesprochen anspruchsvolle Sachverhalte und Zusammenhänge, die aber eines zeigen: Wer sich nicht die Mühe macht, tief in eine so komplexe Materie wie das Lebensversicherungsgeschäft und dessen bilanzielle Behandlung einzusteigen, vergleicht mit undifferenziert entwickelten Kennzahlen und daraus erstellten Ranglisten Äpfel mit Birnen oder Autos mit Motorrädern.

Das Problem dabei: Kein unbedarfter Verbraucher hat die Chance, solche Methoden-Ungenauigkeiten zu erkennen. Umso größer die Verantwortung der Journalisten und Redakteure. Und umso mehr Arbeit für qualifizierte Berater, die mühsam das richtig stellen müssen, was falsch verbreitet wurde.      


Kommentare für diesen Artikel (4)

  1. harrischultze, 6. November 2012 um 10:54 Uhr

    “Umso größer die Verantwortung der Journalisten und Redakteure.”

    Die Verantwortung der Journalisten und Redakteure ist ein tolles Stichwort. Ich würde noch weiter gehen und hier die Verantwortung der “Medien” insgesamt nennen.

    Es ist teilweise unerträglich mit welchen Ungenauigkeiten und Halbwahrheiten die Menschen “kirre” gemacht werden und vom eigentlichen Ziel jeder Altersvorsorge abgelenkt werden.

    Das Vorsorge wichtig ist für jeden der nicht im Alter auf Grundsicherungsniveau angewiesen sein will, scheint keine ernst zu nehmende Diskussion mehr zu sein. Beim “Wie” werden die Menschen so verrückt gemacht, dass am Ende nichts mehr getan wird oder einmal begonnene Wege abgebrochen werden.

    Das ist vergleichbar mit Patienten die eine von mehreren Möglichen Therapien beginnen, dann laufend von anderen Therapien hören und die begonnene wieder abbrechen…..und so weiter und so weiter……am Ende wird der Patient so niemals Gesund und alle Ärzte und das gesamte Gesundheitswesen wird an den Pranger gestellt. Dabei waren es zum Großteil die Medien, die auf alles drauf hauen was im Ansatz eine Lösung sein könnte.

    “Die Macht der Medien” bedeutet “Verantwortung” und verantwortlich handelt nur, wer sich das bewusst macht. Hier sollte es genauso hohe Anforderungen an Redakteure geben, wie an die Berater – die schließlich bei Falschberatung haften müssen. Wer haftet dafür, wenn auf Grund von Medienberichten die falschen Schlüsse für die eigene Vorsorge gezogen werden und damit die einmal begonnene Therapie immer wieder abgebrochen oder gar nicht erst begonnen wird?

    Gruß vom Vermögensberater aus Willich
    Harri Schultze
    http://www.harri-schultze.de

  2. Anastasia Schmitt, 6. November 2012 um 15:32 Uhr

    Ich glaube man nennt es “Pressefreiheit”.

    Wird in Tageszeitungen, Wirtschaftsmagazinen oder Branchenlektüren positives berichtet, bezieht man sich gerne einmal darauf. Bei negativen oder kritischen Stimmen, wird an die “Verantwortung der Journalisten” appelliert…

    Natürlich ihr gutes Recht und völlig nachvollziehbar.

    Ich hoffe zumindest stark, dass Menschen ihre Entscheidungen niemals nur auf journalistischem Gedankengut fällen und Vermögensberater niemals die BILD-Zeitung lesen.

  3. Denis Seidel, 6. November 2012 um 17:01 Uhr

    Ein wie gewohnt interessanter Artikel, wie ich sie immer öfter gern auf diesem Blog lese. Besonders gefällt mir, wie hier kurz und knackig die Dinge auf den Punkt gebracht werden, auch wenn es mal um eine komplexere Materie geht.

    Genauso kann ich mich meinem Kollegen aus Willich nur anschließen und danken für die treffenden Worte.

    Um den Artikel noch zu vervollständigen, empfehle ich noch den Link zum Artikel der WirtschaftsWoche zu ergänzen. In der heutigen Zeit ist es wichtig auch ganz offen auf das zu verweisen, was man kritisiert. So hat jeder die Möglichkeit sich selbst ein Bild davon zu machen, ob es wirklich so ist, wie hier behauptet wird. Allein die bloße Möglichkeit schafft Seriosität, selbst wenn Sie dann von den meisten gar nicht genutzt wird.
    Denn dadurch wird schlicht der Beweis erbracht. Freilich ist der mündige Leser selbst dafür verantwortlich dann dort auch gewissenhaft und möglichst unvoreingenommen zu lesen.

    Außerdem war es ja die Grundidee des Internets die Dinge miteinander zu verknüpfen, sonst könnte man auch weiter in gedruckter Form veröffentlichen.

    Herzliche Grüße aus Solingen,
    Denis Seidel

    ____________

    Hallo Herr Seidel,
    vielen Dank für den Hinweis. Wir haben die Verlinkung im Beitrag und hier nachgeholt. In der Regel verlinken wir immer auf zitierte Quellen, so dass sich der Leser selbst ein Bild machen kann. Zum Zeitpunkt unseres Blogbeitrags war der WiWo-Artikel online noch nicht zu finden.

  4. , 7. November 2012 um 12:33 Uhr

    @ Anastasia Schmitt

    Da haben Sie mich ganz falsch verstanden: Pressefreiheit ist ein hohes Gut und wurde in meinem Beitrag noch nicht einmal im Ansatz in Frage gestellt. Kritisiert wurden methodische Ungenauigkeiten derjenigen, die die Rankings erstellt haben, ebenso wie die Nachlässigkeit der Redakteure, solche Ungenauigkeiten nicht zu entdecken und die darauf aufbauenden Aussagen zu relativieren.