Die vierte Option

23. Februar 2012 | 997 mal gelesen

“Es gibt drei Optionen: Steuern anzuheben, länger zu arbeiten oder aber zu akzeptieren, dass unsere Rentner verarmen”,

so der EU-Sozialkommissar Laszlo Andor im Gespräch mit der Tageszeitung DIE WELT (15. Februar 2012) zu den staatlichen Handlungsoptionen in der gesetzlichen Rentenversicherung.

Richtig.

Doch eine Option fehlt und wird leider nicht gesehen: Die gezielte und möglichst weitgehende Förderung privater Vorsorge, verbunden mit der Förderung von qualifizierter Beratung. Denn die Hauptaufgabe eines Beraters besteht unter anderem darin, die Menschen erst einmal aufzuklären über ihre wirtschaftliche Situation im Alter, verbunden mit konkreter Hilfe bei der Nutzung staatlicher Fördermöglichkeiten zum Aufbau privater Vorsorge.

Schade, dass in der Realität eher das Gegenteil vorherrscht: Die Förderung der privaten Lebensversicherung wurde stark beschnitten durch hälftige Besteuerung der angesammelten Überschüsse. Und von der Würdigung der gesamtwirtschaftlich unerlässlichen Funktion des Berater-Berufs in der Finanzbranche ist weit und breit auch nichts zu sehen.

Bleiben dann wohl am Ende tatsächlich nur die drei aufgezeigten Optionen – hausgemacht.


Kommentare für diesen Artikel (4)

  1. Coelestin1000, 23. Februar 2012 um 14:13 Uhr

    Lieber Herr Dr. Lach, nicht so vorschnell mit den Optionen. Bevor Sie (völlig berechtigt und notwendig) qualifizierte Vermögensberatung optional einfordern, müssen zunächst (europa-) politisch dafür Voraussetzungen geschaffen werden, dass es etwas (vermögens-) zu beraten gibt. Insofern unterschlägt der von Ihnen zitierte EU-„Sozial“- Kommissar dem Publikum ganz einfach eine weitere Option: die Herstellung der Gerechtigkeit bei der Teilhabe der europäischen Produzenten am gemeinsam erreichten produktiven Wachstum ihrer Volkswirtschaften. Seit zehn Jahren verharrt das reale Wachstum der Entgelte der abhängig Beschäftigten in Deutschland beispielsweise auf dem Niveau des Jahres 2000. In der gleichen Zeit wuchsen die Gewinne der Unternehmungen zweistellig! Die Herstellung von Verteilungsgerechtigkeit ist m. E. auch grundlegende Bedingung für die Zukunft unserer abendländischen Gesellschaft. Erhöhen sich die Entgelte in Verwirklichung dieser Option, dann haben wir positive Auswirkungen sowohl für die gesetzliche als auch für die private Rentenvorsorge, respektive höhere Steuereinnahmen. Nicht zuletzt wir Vermögensberater können effizient unserer sozialpolitisch wichtigen Arbeit nachgehen. Es ist damit eine wichtige Option (die der Kommissar aus einsichtigen Gründen unerwähnt lässt). Ohne tatkräftige Verwirklichung dieser Option wird alles, was unsere abendländische Gesellschaft beispielhaft sozial und demokratisch auszeichnet, verkümmern. Diese Verkümmerung wird zwingend ihr Ableben einläuten. Da bin ich mir sicher. Wollen wir das?

  2. , 23. Februar 2012 um 21:08 Uhr

    @ Coelestin1000

    Ich teile Ihre Auffassung, dass über Jahre anhaltende Reallohnstagnation bei gleichzeitig wachsendem BSP zu “Wohlstands-Umverteilungen” führen kann und insoweit vielen Bürgern nicht mehr die Vorsorge möglich ist, die eigentlich notwendig wäre. Zu konstatieren ist aber auch, dass die aktuell gute Verfassung der deutschen Wirtschaft mit sehr niedriger Arbeitslosenquote eine ihrer Hauptursachen in der jahrelangen Zurückhaltung bei den Reallohnsteigerungen hat. Insoweit sind auch diejenigen Gewinner, die ohne diese stabile Konjunktur arbeitslos wären.

  3. Coelestin1000, 23. Februar 2012 um 23:16 Uhr

    Sie haben völlig Recht, Herr Dr. Lach. Deutschland ist wettbewerbsfähiger geworden, indem wir unsere Lohnstückkosten gesenkt haben. Nur, was droht unserer modernen und demokratischen Gesellschaft, wenn wir das reale Einkommensniveau der abhängig Beschäftigten senken. Sie wissen, dass die Mehrzahl der Arbeitsplätze im Niedriglohnbereich geschaffen worden ist. Wohin sollen uns diese Prozesse führen, wenn die Konsequenz letzten Endes das Zerreißen unserer Gesellschaft zur Folge hat, mit all den unseligen Folgen, von denen besonders die deutsche Geschichte gezeichnet ist. Denken Sie bitte nicht den Augenblick daran, dass die janusköpfige Glückseligkeit der deutschen Wirtschaft die augenblickliche Lebensqualität der Mehrheit unseres Volkes in die Zukunft wachsen lässt. In Europa befinden sich nicht wenige der stärksten Industrieländer weltweit. Das wirtschaftliche Knowhow ist vorhanden. Bedingung für seine Fortentwicklung ist nicht Lohnzurückhaltung, sondern Wissen, Erfahrung und Praxis. Das betrifft auch den Verkauf dieser Qualitätsprodukte. Wenn ein Produkt überragend ist, dann fragt der Markt nach, dann darf auch der Preis international hoch sein – vorausgesetzt Kaufkraft ist da (und nicht durch Lohnzurückhaltung – europaweit- eingedampft). Ein Beispiel dafür sind auch die vielen hervorragenden Versicherungsprodukte der AachenMünchener. Ergebnis herausragender Arbeit diesbezüglicher Tüftler. Welches Geschäft geht uns jedoch andererseits verlustig, durch das Dümpeln der Nachfrage mangels Kaufkraft. Natürlich erodiert bei diesen Betrachtungen das bisher konstituierende Moment unserer Volkswirtschaft, die Gewinnmaximierung. Ich denke, es ist angebracht, die Frage zu stellen, ob die Maximierung von Gewinn die entscheidende Prämisse für Volkswirtschaft bleiben muss, wenn uns „der ganze Laden zu implodieren droht“, Herr Dr. Lach.
    Beste Grüße aus Berlin vom Vermögensberater Eckhard Stephan.

  4. Anastasia Schmitt, 24. Februar 2012 um 10:23 Uhr

    Unsere abendländische Gesellschaft darf nicht ableben 😉

    Also, sehr schön formuliert. Könnte ein Artikel aus einer Fachzeitschrift sein. Mehr Einkommen für die Arbeitnehmer, um mehr Geld für die private Sozialvorsorge zu haben? Dies kann nicht die Lösung dafür sein, dass die Staatskassen für Sozialleistungen leer sind. Es mag aber durchaus für einen “Vermögensberater” sinnvoll erscheinen.