Rating-Agenturen

8. Dezember 2011 | 906 mal gelesen

Auf breiter Front werden derzeit die Rating-Agenturen kritisiert. Denn durch die Abwertung der Bonität von Euroländern verschärfen sie deren Haushaltsprobleme weiter, da aufgrund der Abwertung für neue Anleihen höhere Zinsen gezahlt werden müssen.

Die Kritik scheint insoweit berechtigt, weil diese Abstufungen sichtlich spät kommen: Denn schon seit Monaten ist klar, dass die Stützung Griechenlands und anderer Euroländer zu Lasten der Starken wie Deutschland gehen wird und insoweit auch deren Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Deshalb wäre eine deutlich frühere Abstufung – so sie denn notwendig ist – sicherlich der bessere weil marktkonforme Weg gewesen.

Generell stellt sich jedoch die Frage, warum überhaupt das Urteil der Rating-Agenturen so viel Gewicht hat.

Warum verlassen sich große Banken und Versicherer als Zeichner von Staatsanleihen so einseitig auf das Urteil dieser Rating-Agenturen, wenn es um die Beurteilung der Bonität von Ländern geht? Sollte es nicht selbstverständlich sein, dass sich eine Bank, wenn sie für mehrere hundert Millionen Euro Anleihen eines bestimmten Landes zeichnet, vorher mit eigenen Analysten und Praktikern vor Ort ein eigenes fundiertes Bild von der Bonität dieses Landes verschafft? Selbst ein Besuch Griechenlands als Tourist läßt schnell erahnen, wie es um dieses Land steht.

Es scheint also, als verlasse man sich – trotz gewaltiger Beträge und Risiken – auf die Bewertung Dritter. Aber auch diese haben eigene Interessen.


Kommentare für diesen Artikel (1)

  1. Marvin Meißner, 9. Dezember 2011 um 18:18 Uhr

    Sehr schöner Gedankenanstoß. Vielen Dank vorweg.
    Gestern habe ich dazu eine Reportage im ÖffentlichRechtlichen gesehen. Laut Reportage ist das Hauptproblem an derzeitigen Ratingagenturen, dass diese von den zu ratenden Unternehmen und Staaten bezahlt werden. Diese bestimmen dann auch die Methodik des Ratings. Darüber hinaus hat ein Insider berichtet, wie die Auftragssumme das Ergebnis beeinflussen kann. Letztendlich stellt sich natürlich die Frage über den Wahrheitsgehalt dieser Reportage und die Vertrauenswürdigkeit des Insiders. Dennoch gibt mir das zu denken und dennoch möchte ich nicht, dass Banken selber Ratings anstellen und gar veröffentlichen.
    Was das angeht bin ich noch immer ein Befürworter der Neoklassischen Theorie zur “Government-Assisted Invisible Hand”, allerdings in Verbindung mit dem Theorem zu irrationalen Märkten und einem höherem Sozial- und Umweltbewusstsein als normalerweise in der Neoklassik. Sprich die Liberalisierung der Märkte muss den höchstmöglich erreichbaren Grad haben, ohne dass sich Wirtschaft und Gesellschaft dabei selber schaden.
    In diesem Falle würde es bedeuten, dass der aktuelle politisch debattierte Ansatz zu einer unabhängigen, eoropäischen Ratingagentur, die sich durch Gebühren der EU-Mitgliedsländer finanziert, schon in eine sehr gute Richtung geht. Wichtig dabei wäre nur, dass die Mitgliedsländer die Gebühr zahlen müssen, egal ob sie wollen oder nicht – also eine Art RatingGEZ 😉 Letzteres ist leider nicht in allen Vorschlägen festgesetzt.
    Wenn dies eingeführt werden sollte, können sich auch endlich wieder die Anlegerinnen und Anleger auf Ratings verlassen. Ich denke dies ist aus Sicht der DVAG der wichtigste Punkt dieser Thematik.

    Wie immer ist mein Beitrag lediglich eigene Meinung und wie immer akzeptiere ich, dass dies durchaus disktierbar ist und nicht auf jede/jeden zutreffen muss.

    Mit freundlichen Grüßen
    Marvin Meißner