Musterknabe?

27. Oktober 2011 | 752 mal gelesen

Am 17. Oktober hatte ich Gelegenheit zur Teilnahme an einer Vortragsveranstaltung mit Prof. Dr. Norbert Walter, unter anderem ehem. Direktor am Institut für Weltwirtschaft und langjähriger Chefvolkswirt der Deutschen Bank.

Einer seiner Gedanken:

Deutschland geht es heute – im Quervergleich – besser denn je. Dies wird sich jedoch gravierend ändern. Der Grund: Die heute gemachten staatlichen Rentenzusagen sind zu einem Großteil nicht durch die zu deren Finanzierung notwendigen, zukünftigen Steuereinnahmen gedeckt, da der Anteil Erwerbstätiger immer kleiner, der der Vorsorgeempfänger immer größer wird.

Es gibt drei Möglichkeiten:

  1. Die Defizite werden durch Staatsverschuldung gedeckt. Angesichts der drohenden Ausmaße wird Deutschland dann zwangsläufig vom heutigen Musterknaben zu einem Defizitland, das mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben wird wie heute Spanien oder Italien.
  2. Die Steuersätze und Sozialabgaben für die Erwerbstätigen werden weiter angehoben. Dies wird dann aber dazu führen, dass insbesondere junge, gut qualifizierte Bürger das Land verlassen. Das demographische Problem mit allen damit zusammenhängenden Auswirkungen vergrößert sich weiter.
  3. Das in der Zukunft verfügbare, nach heutigen Maßstäben nicht genutzte Arbeitspotential wird konsequent eingebunden. Durch Verlängerung der Lebensarbeitszeiten, vor allem bei älteren Menschen, Schaffung von Voraussetzungen, die es Frauen mit Kindern einfacher machen, zu arbeiten und bessere Integration ausländischer Bürger in die Arbeitswelt.

Bleibt zu hoffen, dass Prof. Walter in der Politik ausreichend Gehör findet.


Kommentare für diesen Artikel (10)

  1. Tobias Bartelt, 28. Oktober 2011 um 11:38 Uhr

    Mit persönlich kommen hierbei folgende Gedanken:

    1. Inwiefern ist die Möglichkeit in betracht gezogen worden, die Beitragsbemessungsgrenze komplett aufzuheben, anstatt die Sozialversicherungsbeitrage zu erhöhen?

    Und 2. Ist die Möglichkeit diskutiert worden, die GRV durch eine “Private Rentenpflichtversicherung” zu ersetzten?

    MfG

    Tobias Bartelt

  2. Anastasia, 28. Oktober 2011 um 15:14 Uhr

    @Tobias Bartelt

    Zu 1. Die Idee finde ich gut, zusätzlich dürfte es für Besserverdiener und Selbstständige auch keine Wahl geben, ob sich diese privat oder gesetzlich versichern.

  3. Marvin Meißner, 28. Oktober 2011 um 21:35 Uhr

    Wie wäre es mit Möglichkeit 4? Oft diskutiert, aber nie wirklich erhört… Die Abschaffung des Generationenvertrages und die Einführung der Individualrente.
    Dieses Konzept funktioniert ähnlich wie Riesterrente ohne Zuschüsse. Die Bundesregierung veröffentlicht ein Zinsziel, welches über die Anlage an den Kapitalmärkten erreicht werden soll. Einziger Unterschied; alles was darüber hinaus erwirtschaftet wird, plus die nicht ausgezahlten Renten, derer die früher versterben, finanzieren die Rente derer, die nicht einzahlungsfähig sind.
    Ein positiver Nebeneffekt tritt auf, wenn sich mehrere Staaten zu dieser Rentenreform entscheiden würden. Dann könnte man gemeinschaftlich eine antizyklische Finanzmarktpolitik, ähnlich dem Keynesianismus, verabschieden, um somit Spekulationsblasen zu verhindern und kommenden Finanzkrisen entgegenzusteuern.

    Einziger Nachteil sind die hohen Einführungskosten. Doch auch diese armortisieren sich wieder im Laufe der Jahre. Darüber hinaus kann man den Armortisierungsvorgang beschleunigen, wenn eine langsame Umstellungsform gewählt wird.

    Mit freundlichen Grüßen
    Marvin Meißner

  4. Daniela von Hagen, 29. Oktober 2011 um 23:56 Uhr

    Es wird wird wahrscheinlich auf eine längere Arbeitszeit hinauslaufen – ist ja sonst nicht finanzierbar. Interessant finde ich die Variante von Thomas Bartelt, „ …die Beitragsbemessungsgrenze komplett aufzuheben“… dann könnten diejenigen, die z. B. 10.000 € oder 100.000 € im Monat verdienen, ihren Beitrag dazu leisten. Und das nicht gedeckelt auf z. Z. 5.500 € sondern in der Höhe des realen Verdienstes!

  5. michael, 30. Oktober 2011 um 14:20 Uhr

    der gleiche denkfehler wie er oft beim thema krankenversicherung gemacht wird.
    die basis derer, die einzahlen zu verbreitern oder bemessungsgrenzen zu erhöhen schafft nämlich nicht nur höhere einnahmen sondern eben auch (höhere) leistungsansprüche der gemolkenen-unterm strich kein gewinn.
    die auswirkungen auf die lohnnebenkosten etc. mal ganz ausser acht gelassen

  6. Frank Schmidt, 30. Oktober 2011 um 16:50 Uhr

    @ michael,

    Da hilft ein Blick über die Grenzene hinweg. Ein Rentenversicherungsbeitrag von schätzungsweise 5%-7% aller Personen und Einkunftsarten würde reichen, um alle Rentner mit einer Rente von derzeit ca. 1.000€ beglücken zu können.

    Ich denke, ohne es jetzt recherchiert zu haben, in der KV ist es nicht anders. Würden alle Bundesbürger auf alle Einkunftsarten hinweg den KV-beitrag entrichen, wären alle mit einer Grundversorgung abgesichert. Es sollte dann für den, der besser abgesichert werden möchte, genug Geld übrig sein, eine Zusatz KV zu zeichnen, oder die Differenz zu einer besseren Absicherung, aus der eigenen Tasche heraus bezahlen können.

    MfG
    FS

  7. Anastasia, 30. Oktober 2011 um 16:57 Uhr

    @michael

    Können Sie Ihren Kommentar nochmal für dumme, wie mich, verständlicher schreiben?

  8. Tobias Bartelt, 31. Oktober 2011 um 09:01 Uhr

    @ Daniela von Hagen

    Ich bestehe darauf, das ich TOBIAS heiße. Vielen Dank 😉

    MfG

    Tobias Bartelt

  9. Andreas Röhr, 31. Oktober 2011 um 10:40 Uhr

    @ Michael

    genau das gleiche ist mir auch durch den Kopf gegangen …..
    Wir würden damit zwar kurzfristig ein Loch stopfen aber mittel und langfristig ein noch größeres aufreißen.
    In meinen Augen keine gute Idee. (zumindest keine nachhaltige)
    Aber im Moment bei manchen seeeehr populär !!!!!

    Mit freundlichen Grüßen
    Andreas Röhr

  10. michael, 1. November 2011 um 16:19 Uhr

    @anastasia: was genau meinen sie? dass ich, wenn ich in ein system wie der gesetzlichen rentenversicherung einzahle auch einen leistungsanspruch habe?
    deshalb heisst: wenn jetzt mehr leute wie z.b. selbständige einzahlen müssten hätten diese später auch leistungsansprüche, sprich man stopft jetzt löcher um später ein evtl. noch größeres zu haben.
    @frank schmidt: da bin ich voll bei ihnen. das, wovon sie sprechen ist ein über steuern(!) finanziertes system, das tatsächlich in abhängigkeit zur leistungsstärke des einzelnen gelder einzieht. unsere bestehenden sozialen sicherungssysteme werden jedoch über beiträge finanziert und nur von den jeweils beitragspflichtigen.
    mag jetzt wie haarspalterei wirken, jedoch ist das der grundlegende unterschied.
    sollte man auf den gedanken kommen, in abhängigkeit vom einkommen 7-12% als steuern zugunsten einer sozialen grundsicherung einzuziehen wäre ich sofort dabei- es wäre aber sowohl in kv als auch in rv wirklich nur eine grundsicherung- und das schmeckt vielen wiederum nicht. v.a. den gegnern kapitalgedeckter eigenvorsorge.